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Patenrede von Bernd Heyl
anlässlich der Stolpersteinverlegung
für Friedrich Grünewald am 06.10.2012:

 

Friedrich Grünewald Patenrede Stolpersteinlegung

Liebe Familie Gröger,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen

Mit der heutigen Verlegung eines Stolpersteins für Friedrich Grünewald setzt die Rüsselsheimer Stolpersteininitiative die gute Tradition fort, auch der Menschen zu gedenken, die während des deutschen Faschismus aktiven Widerstand geleistet haben.

Friedrich Grünewald wurde am 21. November 1910 in Königstädten geboren, wo er  9 Jahre die Volksschule besuchte. Er wohnte hier, in der Astheimer Straße 21. Er wuchs in einem Milieu auf, das von der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung geprägt war. Deshalb war es für ihn selbstverständlich, dass er mit Beginn seiner Schreinerlehre 1925 Gewerkschaftsmitglied wurde. Etwa 1928  folgte die Mitgliedschaft im Touristenverein „Die Naturfreunde“ und 1930 der Austritt aus der ev. Kirche und die Mitgliedschaft in der Freidenkerjugend. Politisch prägte ihn in dieser Zeit vor allem die Naturfreundejugend. Gemeinsam mit Naturfreunden aus Mörfelden, Walldorf und Weiterstadt wirkte er in einer Theatergruppe, die u.a. das Stück die Matrosen von Cattaro von Friedrich Wolf aufführte. Das Stück handelt von dem verfrühten Versuch der Besatzung des Panzerkreuzers „St. Georg“ im Januar/Februar 1918 durch einen Aufstand den Krieg zu beenden. Kulturelle Betätigung, politische Bildung und Sport waren für diese Gruppe die bewusste Vorbereitung auf die Auseinandersetzung mit den Nazis. Ihr Widerstand begann lange vor der Machtübergabe an Adolf Hitler.

Ab 1928 arbeitete Friedrich Grünewald bei der Fa. Lämmermann in Groß-Gerau, wo er auch seine Frau kennenlernte. Als er sich weigerte eine Lohnsenkung von 85 Pfennigen auf 50 Pfennige die Stunde zu akzeptieren, wurde ihm gekündigt.  Fritz Grünewald  heiratete 1932, im Januar 1935, kurz vor seiner Verhaftung,  wurde seine erste Tochter geboren.

Aufgrund der Rüstungskonjunktur bekam Friedrich Grünewald 1934 Arbeit bei Opel. In diese Zeit fällt die Gründung einer Widerstandsgruppe aus ehemaligen Mitgliedern der Naturfreundejugend, die sich zum Ziel setzte,  vor allem vor dem drohenden Krieg zu warnen. Diese Gruppe  hatte nur losen Kontakt zu anderen Gruppen und verteilte in und außerhalb der Fa. Opel selbst verfasste Flugblätter. Dies führte zu heftigen Reaktionen beim Werkschutz und der NSBO. 

Um die Jahreswende 1934/35 war es der Gestapo gelungen mehrere Widerstandsgruppen im Kreis Groß-Gerau zu enttarnen und ihre Mitglieder zu verhaften.
Am 19. März 1935 war Friedrich Grünewald an der Reihe und er wurde im Gestapogefängnis Mainz Klarastraße schwer misshandelt – nicht zuletzt, weil er sich bis zum Schluss weigerte, Informationen preis zu geben.  Die Gerichtsverhandlung erfolgte am 23. August 1935 „wegen Vorbereitung zum Hochverrat“. Das Urteil lautete auf dreieinhalb Jahre Zuchthaus, Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte und Polizeiaufsicht nach der Haftentlassung. Die Untersuchungshaft wurde wegen „hartnäckigen Leugnens“ nicht angerechnet.

Nach der Haft wurde Friedrich Grünewald „wegen politischer Unzuverlässigkeit“ nicht mehr von der Fa. Opel eingestellt. Obwohl er als politisch Bestrafter auf Lebenszeit vom Wehrdienst ausgeschlossen war, erfolgte im Frühjahr 1944 seine Einberufung zur Strafeinheit der Organisation TODT. Sie wurde unter dem zynischen Stichwort „Aktion Hase“, das heißt zum Abschuss frei gegeben - an besonders gefährdeten Plätzen eingesetzt, so mussten zum Beispiel noch während laufender Fliegerangriffe Reparaturarbeiten an zerstörten Gleisanlagen oder anderer Infrastruktureinrichtungen ausführen.

Nach einem Heimataufenthalt im zerstörten Königstädten entschied sich Friedrich Grünewald, nicht mehr an die Front zurückzukehren. Ihm gelang, was den Matrosen von Cattaro verwehrt blieb: Er schaffte es, sich dem sinnlosen Morden zu entziehen. Bis zum Kriegsende hielt sich Friedrich Grünewald im Keller seines Behelfsheimes in Groß-Gerau versteckt. Für die ersten amerikanischen Soldaten in Groß-Gerau war er, als er ihnen seinen Wehr – Ausschließungsschein zeigte, ein „guter Mann“. Als politisch unbelasteter wurde Friedrich Grünewald im Frühjahr 1945 Polizist. Er tat von nun an 25 Jahre Dienst auf der Wache, auf die er im Frühjahr 1935 vor seiner Überstellung in die Gestapohaft gebracht worden war.

Politisch engagierte sich Friedrich Grünewald in den ersten Nachkriegsjahren in der Groß-Gerauer Ortsgruppe der KPD, die er jedoch Ende der vierziger Jahre verließ. Es folgte eine Zeit der Enttäuschungen. Im vom kalten Krieg geprägten politischen Klima der Adenauer Ära musste Friedrich Grünewald erleben, wie in Folge des 1951 erlassenen Gesetzes 131 die alten Nazibeamten bevorzugt wieder in den öffentlichen Dienst eingestellt wurden. Auch er, der Antifaschist, musste solche Vorgesetzte ertragen.  Es war die Zeit, in der ein Walter Köbel Bürgermeister von Rüsselsheim werden konnte, die Zeit der Remilitarisierung, des KPD Verbotes und der Repression gegen ehemalige Widerstandskämpfer. Für nur allzu viele galten in der Nazizeit politisch inhaftierte immer noch als „Verräter“ -  ein Klima, das bewusst von den sich wieder in „Amt und Würden“ befindenden Altnazis gefördert wurde. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Friedrich Grünewald viele Jahre für eine eher bescheidene Wiedergutmachung vor Gericht streiten musste.

Nach seiner folter- und haftbedingten vorgezogenen Pensionierung widmete sich Friedrich Grünewald der Aufarbeitung der Geschichte der Groß-Gerauer Arbeiterbewegung. Ich lernte Fritz 1984 als einen skeptischen und vorsichtigen Menschen kennen. Erst nach zahlreichen Gesprächen fasste er Vertrauen und begann seine Erinnerungen aufzuschreiben. Das war für ihn ein erneuter Kampf. Verbunden mit wiederkehrenden Alpträumen, Schlaflosigkeit und Angstzuständen. Fritz war aber davon überzeugt, dass es notwendig ist seine Erfahrungen für kommende Generationen zu bewahren.

Und wir? Wir sollten es nicht nur beim Erinnern und Gedenken belassen.

Das Vermächtnis des Widerstandes gegen den deutschen Faschismus ist eine Aufforderung zum Handeln. Ich möchte deshalb mit Ernst Bloch schließen:
„So blicken wir auch hier keineswegs zurück. Sondern uns selbst mischen wir lebendig ein. Und auch die anderen kehren darin verwandelt wieder, die Toten kommen wieder, ihr Tun will mit uns nochmals werden.“ (Ernst Bloch, Thomas Münzer, Baden-Baden 1980,  S. 9) 

 

Bernd Heyl

 

   
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